Belletristik: Sebenta

In Amsterdam wird die Spur eines seit langem gesuchten Terroristen eher zufällig entdeckt. In London wird ein Mitarbeiter einer Investment-Bank Opfer eines tückischen Anschlages. Überraschend für die Interpol-Agenten Claude Lamog und Ray Spencer-Davis bringen die weiteren Ermittlungen beide Fälle zusammen. Doch was steckt hinter dieser Gemeinsamkeit? Während die Beamten noch rätseln, bereiten sich die Observierten intensiv auf ihre Vorhaben vor. In Asien spitzt sich die Lage zu.


Sebenta ist das Erstlingswerk und wurde im wesentlichen in 1992 geschrieben. In 2000 wurde das Buch nochmals komplett überarbeitet und einige "Unebenheiten" entfernt.

Sebenta ist überdies der Einstieg in die Serie Fiction&Facts. Alle Stories dieser Reihe basieren auf wahren Begebenheiten und realen Gegebenheiten, und dies bis ins Detail. Zur Erläuterung finden sich jeweils am Ende des Buches konkrete Erläuterungen zum Hintergrund in Form von Zeitungsauschnitten oder sonstigen Notizen.

Dieses Buch ist Teil der Serie Fiction & Facts, welche in einem Band herausgegeben wurde. Der Band enthält neben Sebenta die Fiction&Facts Stories Genom und SETI.

Ausschnitt :
Kapitel 35 :

De Grijze wußte nicht wo er war. Seit Stunden fuhren sie nun schon über irgendwelche unebenen Straßen. Seine Augen waren verbunden, und bereits nach wenigen Minuten hatte er die Orientierung völlig verloren. Das Einzige, was de Grijze mit Sicherheit sagen konnte, war, daß Karim übertrieben schnell fuhr. Karim hatte im übrigen darauf bestanden, daß er zusätzlich auch Ohrstöpsel tragen mußte, wohl um zu vermeiden, daß er eventuelle Geräusche draußen identifizieren konnte. Die Folge war natürlich, daß auch keinerlei Unterhaltung stattfand, abgesehen davon, daß Karim sowieso wenig Englisch sprach. Niederberger war nicht mitgekommen. Es war daher zu hoffen, daß wenigstens sein avisierter Gesprächspartner, wer immer es auch sein mochte, der englischen Sprache mächtig war. Die Fahrt ging weiter und de Grijze fiel trotz der Hitze langsam in einen leichten Schlaf.

»Señor da Vegas!«
Karim rüttelte an seinem Arm und de Grijze kam wieder zu
sich. Der Wagen hatte gehalten. Mit Karims Hilfe stieg er
aus dem Wagen. Es schien nicht mehr so heiß wie zuvor in
Mosul und die Luft roch angenehm. Er wurde noch ein paar
Meter weiter geführt, bevor sich hörbar eine Tür
öffnete und er ins Innere gelotst wurde. Die Tür
schloß sich wieder und Karim befreite ihn von Augenbinde
und Hörschutz.
De Grijze fand sich in einem kleinen Raum wieder,
spärlich eingerichtet mit einem Tisch, zwei Stühlen und
einer Art Liege. Von der Decke hing lediglich eine
Glühbirne herunter, die den Raum erhellte. Fenster gab
es keine. Karim machte ihm ein Zeichen sich zu setzen.
Weitere zehn Minuten vergangen, bevor sich die Tür
wieder öffnete und ein Mann eintrat. Er war etwa vierzig
Jahre alt, groß und recht muskulös gebaut. Viel mehr
war allerdings nicht über ihn zu sagen, da er außer
einer großen dunklen Sonnenbrille auch eine Art Kaftan
auf dem Kopf trug, der die Hälfte seines Gesichtes
verdeckte.
»Señor da Vegas? Es freut mich Ihre Bekanntschaft
machen zu können.«
Der Neue sprach in fließendem Englisch mit einem nur
leichten Akzent.
»Ich bin Ghazi Barzani, Sohn des großen Mustafa Barzani.«
Er hielt ihm die Hand hin.
De Grijze stand auf. »Ich danke für Ihr Vertrauen mich
zu empfangen.«
»Glauben Sie mir – das hat nicht viel mit Vertrauen zu
tun, Señor. Während Abdul Sie hierher gebracht hat,
haben wir nachgeforscht. Und da es tatsächlich einen
Manuel da Vegas gibt, der für das Magazin descubrimiento
arbeitet und im Moment in Vorderasien unterwegs ist, sehe
ich keinen Grund nicht mit Ihnen zu sprechen. Zumindest
unter den Voraussetzungen, die wir jetzt geschaffen haben.«
De Grijze atmete innerlich auf. Gut, daß er sich diese
Identität zuvor sehr sorgfältig ausgesucht hatte.
Andererseits fragte er sich, ob er in letzter Zeit nicht
zuviel Risiken einging.
»Wenn ich richtig verstanden habe, wollen Sie einen
Artikel über die Situation des kurdischen Volkes
schreiben ?«
De Grijze nickte und nahm wieder Platz. »Das ist richtig.
Ein längerer Beitrag über die Kurdenfrage in
geschichtlicher und politischer Hinsicht, speziell aus
Sicht der Kurden. Zudem würde ich gerne einiges über
die aktuelle Situation erfahren.«
Barzani nickte. »Wo fangen wir an ? Ich denke, Sie haben
sich bereits kundig gemacht, was die Geschichte unseres
Volkes betrifft.«
»Ich glaube, der sinnvollste Einstieg ist der Untergang
des osmanischen Reiches 1918, als Mesopotamien von den
Briten besetzt wurde.«
Barzani machte eine zustimmende Gestik. »Die Engländer
hatten dem kurdischen Volk damals die Selbständigkeit
zugesichert. Im Vertrag von Sèvres zwischen den Türken
und den Alliierten wurde das auch konsequent festgehalten.
Doch soweit kam es nie. Kurze Zeit später lehnte Mustafa
Kemal die Anerkennung des Vertrages ab.«
»Der türkische Führer …«
Kurzes Nicken. »Den kurdischen Menschen wurden nur noch
Minoritätsrechte eingeräumt, so daß wir uns gezwungen
sahen, andere Maßnahmen zu ergreifen. 1925 kam es zum
Aufstand in Nord-Kurdistan, doch während die Hoybun, die
kurdische Partei, dort die Unabhängigkeit ausrief, wurde
Südkurdistan vom Völkerbund dem Irak zugesprochen. Im
Norden kam es zum Kampf, der mit einem Massaker und der
Deportation von Hunderten von Kurden endete. Im Süden
kam es aufgrund des vom Völkerbund unterstützten
Vertrages zwischen England und dem Irak zu einem weiteren
Aufstand. Es folgten noch mehrere Unruhen, bevor 1946 die
kurdische Mahabad-Republik ins Leben gerufen wurde.«
»War das nicht auf iranischen Territorium ? Soweit mir
bekannt ist, wurde Mahabad auch ein Jahr später bereits
wieder aufgelöst.«
»Aufgelöst ?« Barzani lachte höhnisch. »Ausgelöscht,
vernichtet! Wissen Sie überhaupt, wieviele Menschen
damals ihr Leben verloren haben ?« Er sah de Grijze
wütend an.
»Entschuldigung. Ich wollte nur…«
Barzani winkte ab. »Lassen wir das. Wo waren wir ? – Die
Republik. Mein Vater hat damals den kurdischen Kräften
militärische Hilfe geleistet. Nach der Niederlage mußte
er das Land verlassen, und ging nach Rußland ins Exil.«
»1958 ist ein weiteres wichtiges Datum. Kassem stürzte
den damaligen König des Irak und gründete die Republik
Irak. In der provisorischen Verfassung wurden Kurden und
Araber gleichgestellt. Daraufhin konnte mein Vater wieder
zurückkehren. Als Held. Doch soviel Kassem auch
versprach, die Kurden wurden weiter unterdrückt.
Verschiedene kurdische Politiker beschuldigten Kassem
öffentlich des Verfassungsbruchs, woraufhin viele von
ihnen verhaftet wurden und der Druck auf die Kurden
erheblich zunahm.«
De Grijze mischte sich ein. »1961 folgte dann denke ich
der Kurdenkrieg, begonnen durch die Bombardierung
kurdischer Städte, nur durch den Sturz Kassems
unterbrochen. Die Baathpatrei übernahm die Regierung,
sonst änderte sich nichts.«
Barzani schüttelte den Kopf. »Im Gegenteil – es wurde
noch schlimmer. Seit Bazzaz an der Macht war, ging er mit
brutaler Gewalt gegen die Kurden vor. Im selben Jahr der
Machtübernahme wurde die Regierung bereits von der
Internationalen Liga zur Wahrung der Menschenrechte wegen
Völkermordes verurteilt. Nach weiteren schweren Kämpfen
hat mein Vater 1966 einem Zwölf-Punkte-Programm
zugestimmt, das viele vage Versprechungen beinhaltete.
Aber es schien ein Anfang, eine Möglichkeit. Doch Bagdad
hielt die Versprechungen erwartungsgemäß nicht ein. So
ist es bis heute geblieben. Hussein führt nur konsequent
die Politik von Bazzaz fort, so wie wir unseren Kampf
für unsere Freiheit. Wir werden weiter in ständiger
Angst vor neuen Übergriffen leben müssen, wie sie
zuletzt 1988 bei der Al Anfal Offensive stattfanden.
Damals gingen die Greueltaten von Husseins Vetter durch
die gesamte Weltpresse. Allerdings ohne irgendeinen
Nutzen für uns. Bagdad fürchtet aber weiterhin, daß
Kurdistan ein zweites Israel werden könnte und führt
daher den Krieg gegen uns als eine Art Dschidad – einen
heiligen Krieg.«

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